Wer fürchtet "die Iden" des Juni?

Die Iden, im römischen Kalender die Feiertage Richtung Monatsmitte, bilden in diesem Juni den Auftakt zu potentiell unruhigen Wochen. Zwar sind die Aussichten nicht ganz so dramatisch wie mit Blick auf die berühmten ‚Iden des März‘, die bei den Römern mit der Ermordung Julius Caesars eine denkbar düstere Konnotation hatten. Aber gerade die Daten der letzten Woche haben auch für die ab Mitte Juni anstehenden großen Entscheidungen unserer Tage eher dunkle Schatten vorausgeworfen. In britischen Umfragen liegt plötzlich das Leave-Camp in Führung, der US-Volkswirtschaft geht es vielleicht doch schlechter als gedacht, und die Ölförderländer verweigern der EZB Hilfe bei ihrem verzweifelten Kampf gegen die Deflation.

Dabei war in der letzten Woche ein eleganter Rahmen bereitet. Sowohl die EZB als auch die OPEC versammelten sich in Wien, erstere, um in der K&K-Metropole den 200jährigen Geburtstag der Österreichischen Nationalbank zu feiern, letztere für ihr halbjährliches Ministertreffen. Viel kam aber bei beiden Konferenzen nicht heraus. Die EZB gab die ernüchternd schwachen Makroschätzungen ihrer Volkswirte bekannt, denen zufolge selbst 2018 die Inflation in der Eurozone nur magere 1,6% betragen soll. Und die OPEC konnte sich wieder einmal nicht auf Mengenabsprachen einigen, die den Ölpreis zumindest nach unten abgesichert und damit der EZB eine wesentlich solidere Basis für höhere zukünftige Inflationsraten geliefert hätten. Zwar könnte der Ölpreis leicht weiter steigen, solange temporäre Faktoren wie etwa die Feuerschäden im kanadischen Alberta oder die anhaltenden Streiks in Nigeria, beide gut für mehrere hunderttausend Barrel pro Tag, das globale Angebot dämpfen. Andererseits ist aber absehbar, daß ab Preisen oberhalb von rund 50 Dollar zunehmend Schieferölförderer in den USA an den Markt zurückkehren werden und auch der Iran sich weiter bemühen wird, auf die vor Verhängung der Sanktionen im Jahr 2011/12 erzielte Fördermenge von rund vier Millionen Barrel am Tag zurückzugehen. Entfallen dann noch zufällige Dämpfer wie Streiks oder Naturkatastrophen, könnte der Ölpreis schnell wieder sinken. Seitens der EZB bleiben also die Daumen fest gedrückt, daß die für die zweite Jahreshälfte zu erwartenden Basiseffekte diesmal auch wirklich eintreten. EZB-Präsident Mario Draghi jedenfalls, so ließ er in der Pressekonferenz letzten Donnerstag wissen, rechnet fest damit.

Beim Daumendrücken ist die EZB nicht allein. Auch die Fed hat es nicht leicht, besonders nachdem am Freitag der Arbeitsmarktbericht mal wieder die Karten auf dem Tisch gründlich durcheinanderbrachte. Mit der schlechtesten Zahl neu geschaffener Stellen außerhalb der Landwirtschaft in den letzten rund sechs Jahren – 38.000 und damit genau 126.000 weniger als Analysten erwartet hatten – setzte es eine Riesenenttäuschung und damit ein deutliches Signal für die Fed, die nächste Zinsanhebung vielleicht doch noch aufzuschieben. Zwar war die Jobanzahl durch Streiks massiv verzerrt, und gleichzeitig fiel die Arbeitslosenquote unerwartet stark auf 4,7%, aber dennoch ist nun die Wahrscheinlichkeit gestiegen, daß die Fed nicht nur wegen des Brexit-Referendums, sondern nun auch in Erwartung wieder stärkerer Arbeitsmarktzahlen Anfang Juli den Zinsschritt verschiebt. Schon vor den Payroll-Zahlen preiste der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni mit nur rund 20%, im Juli dafür mit rund 60%. Nach Freitagnachmittag, an dem auch noch der wichtige ISM-Index für nichtindustrielle Aktivität stark absackte (von 55,5 auf 52,9)  fielen diese impliziten Erwartungen schlagartig auf rund 5% bzw. 40%. Marktteilnehmer sehen also den Fed-Schritt bestenfalls im Juli. Wir halten diese Einschätzung für realistisch.

In dieser Woche wird es ruhiger an der Makrofront. In einem Umfeld eher dünner Zahlen könnten wieder die chinesischen Außenhandelsdaten Beachtung finden, liefern sie uns doch Hinweise darauf, wie es um die Abschwächung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wirklich bestellt ist. Auch deutsche Industriestatistiken (Aufträge und Produktion) bieten in dieser Woche Aufschlüsse über die wirtschaftliche Dynamik, BIP-Zahlen informieren, wie das erste Quartal in Japan und der Eurozone gelaufen ist. Derartige Spezialitäten dürften aber vor allem Statistik-Aficionados hinterm Ofen hervorlocken; im Blickpunkt erwarten wir wieder einmal die Zentralbanken. Fed-Watcher werden ganz genau hinschauen, was noch auf eine Zinsentscheidung im Juni bzw. Juli hindeutet, bzw. was dagegen spricht. Und die EZB wird am Mittwoch beginnen, Unternehmensanleihen zu kaufen. Da ist für Spannung gesorgt, denn angesichts der kolportierten Kaufvolumina – die Rede ist von wohl 5-10 Mrd. Euro pro Monat – in Relation zum Gesamtumfang des kaufbaren Materials (rund 800 Mrd. Euro) ist absehbar, daß das Programm zu erheblichen Marktverzerrungen führen dürfte. Wetten auf Gewinner und Verlierer sind noch abzugeben.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Anleger wird es nun undurchsichtig. Zwar sind die globalen Wachstumszahlen, und damit der Blick auf die Unternehmensgewinne, weiterhin niedrig aber stabil, und damit das fundamentale Umfeld eigentlich kein Grund zur Sorge. Überlagert werden die Fundamentaldaten aber zur Zeit von einer Reihe politischer Risiken, deren Ausgang schwer einschätzbar ist. Von einem günstigen Szenario, in dem die Risikoampeln für die zweite Jahreshälfte quasi eine nach der anderen auf grün schalten, bis hin zu einem veritablen Crash-Umfeld, in dem die politischen Entscheidungen des Juni massive Abverkäufe provozieren, halten wir alles für denkbar. Zwar sehen wir die Chance für einen eher risikofreundlicheren Ausgang deutlich höher, aber die Wahrscheinlichkeiten negativer Ergebnisse sind durchaus signifikant. Grund genug für Anleger, es beim Risiko demnächst ruhiger angehen zu lassen. Diese Woche ist eine gute Gelegenheit, die Positionierung entsprechend zu justieren.