Auszeit für Fed und BoJ

Die positive Grundhaltung an den Aktienmärkten konnte sich in der vergangenen Woche nicht fortsetzen. Der DAX verlor im Wochenverlauf deutlich über 3%. Europäische und amerikanische Indizes notierten ebenfalls schwächer, aber insbesondere im Vergleich mit ihren US-Pendants gaben deutsche Anteilsscheine überdurchschnittlich nach. Die Outperformance Europas – und insbesondere Deutschlands – am Aktienmarkt, welche seit der Wende zugunsten einer risikofreundlicheren Stimmung Anfang April dominiert hatte, erhielt einen Dämpfer.

Zur Unsicherheit beigetragen haben die Zentralbanken in den USA und Japan. Während in den USA keine Zinsänderung, wohl aber eine klarere Orientierung bezüglich künftiger Schritte erwartet worden war und in Japan Analysten eine weitere Zinssenkung nahezu für sicher gehalten hatten, beließen es beide Zentralbanken beim Status Quo. Sie nahmen sich gewissermaßen eine Auszeit. Damit sind natürlich die Antworten auf wichtige Fragen nur vertagt, und die Märkte üben sich seitdem in Gedankenspielen darüber, wohin die Reise gehen könnte. Meist ist derartige Kaffeesatzleserei nicht gut für die Kurse.

Was die Fed betrifft, halten wir die zur Zeit eingepreiste Markterwartung von nur rund 20% für einen Zinsschritt im Juni für bemerkenswert entspannt. Zwar hat das für die Fed-Volkswirte wichtigste Inflationsmaß, der Deflator für die persönlichen Konsumausgaben (neudeutsch: core PCE), im März nur mit enttäuschenden 1,6% Jahresrate zugelegt und auch der Rückblick auf die gesamtwirtschaftliche Aktivität im ersten Quartal war mit einem BIP-Zuwachs von 0,5% schwächer als erwartet. Aber auf der anderen Seite haben sich die von der Fed stark beachteten ISM-Indikatoren zuletzt robuster gezeigt, und vor allem die Arbeitsmarktberichte waren solide. Somit präsentiert sich die US-Wirtschaft aus unserer Sicht durchaus in der zu Jahresbeginn erwarteten Verfassung, gekennzeichnet nämlich durch zufriedenstellendes, wenn auch nicht begeisterndes Wachstum.

Nur denken wir auch, daß dies allein der Fed nicht für eine Zinserhöhung im Juni reichen wird. Zwei weitere Voraussetzungen sollten erfüllt sein. Die erste betrifft Indikatoren außerhalb der USA, vor allem die Stabilität der Weltwirtschaft inklusive der globalen Finanzmärkte. Nur wenn sich hier keine erneuten Verwerfungen ergeben, halten wir den nächsten Zinsschritt für denkbar. Die andere Voraussetzung ergibt sich daraus, daß die Fed die Marktteilnehmer ungern in eine falsche Richtung laufen läßt. Das bedeutet, daß wir mit einem Zinsschritt wohl nur dann rechnen müssen, wenn Reden oder Statements von Fed-Offiziellen dies relativ klar andeuten. Zwar versucht die Fed offensichtlich seit einiger Zeit, die Bildung von Markterwartungen weg von den FOMC-Statements und hin zu den Makrodaten zu bewegen, aber dieses Ziel ist bisher nicht erreicht, obwohl die bemerkenswert inhaltsleere Presseerklärung von letzter Woche die Fed-Watcher geradezu auf die Datenbeobachtung zurückzwingt. Ohne klare „Guidance“ werden die Märkte wohl dennoch keine Zinsanhebung im Juni einpreisen.

Die Bank of Japan, die zum ungläubigen Erschrecken so mancher Marktteilnehmer letzte Woche ebenfalls tatenlos blieb, erklärte dies mit der Platitüde, daß geldpolitische Maßnahmen nun einmal Zeit brauchen und man deshalb erst einmal die Auswirkungen des im Januar auf -0,1% gesenkten Einlagezinses abwarten wolle. Die Märkte konnten diesem Lehrstück fernöstlich-meditativer Geduldübung wenig abgewinnen. Der Yen wertete gegenüber dem US-Dollar um 3% auf, japanische Aktien zahlten die Zeche.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger werden in der gegenwärtigen Phase vorsichtigen Optimismus‘ durch Kursverläufe wie jenen der letzten Woche daran erinnert, daß in den kommenden Monaten noch eine Menge schief gehen kann. Immerhin gibt es bezüglich des Brexit, mithin eines der Risiken, die wir für am gefährlichsten halten, vorsichtige Entwarnung. In den letzten 10 Tagen hat die Remain-Kampagne, also das Camp der Befürworter eines EU-Verbleibs, deutlich Boden gutgemacht. Zwar werden die Briten wohl in diesem Leben keine flammenden EU-Enthusiasten mehr, aber es bleibt zu hoffen, daß die immer stärker an Fakten orientierte öffentliche Debatte sie vor einem fatalen Schritt – für Großbritannien und Europa als Ganzes – bewahrt. Sollte sich diese Tendenz in der nächsten und den folgenden Wochen verfestigen, wäre dies eine massive Unterstützung für eine Fortsetzung des risikofreundlichen Umfeldes.