Schwellenländer wittern Morgenluft

Die Stimmung an den Kapitalmärkten hat sich in der vergangenen Woche weiter aufgehellt. Der DAX markierte mit rund 4,5% eines der stärksten Wochenergebnisse dieses Jahres, und auch Eurostoxx 50 (4,9%) und Dow Jones (1,8%) verbuchten starke Zugewinne. Die entspanntere Lage erklärt sich zum Teil durch positive Signale von der Konjunkturfront, vor allem aus den USA und China, außerdem den bis zuletzt über 40 Dollar pro Barrel verharrenden Ölpreis. Mit Aussicht auf die beginnende Berichtssaison für das erste Quartal kommen immer mehr Anleger zum Schluß, daß eine Welt schwachen Makrowachstums und verhaltener Unternehmensergebnisse immer noch besser ist als ein Umfeld, in dem die tägliche Angst vor dem Absturz in die Rezession dominiert. Nun, nach dem geplatzten Ölabkommen von Doha, bleibt abzuwarten, wie die Märkte mit einem wieder schwächeren Ölpreis umgehen.

In einer derartigen Gemengelage von bescheidener gewordenen Erwartungen und der um sich greifenden Erkenntnis, daß das Ende der Welt nicht unmittelbar droht, finden Investoren auch zunehmend wieder Anlagen in Schwellenländern interessant. Zu einem Teil speist sich dieser vorsichtige Optimismus aus der Tatsache, daß sich in China die Wachstumsaussichten stabilisieren. Letzte Woche wurde das BIP-Wachstum für Q1 mit 6,7% berichtet, genau auf Höhe der Analystenschätzungen und ebenso perfekt auf Linie mit der Regierungsschätzung von 6,5-7,0%. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Maßgeblich ist aber bei allen – vermutlich berechtigten – Zweifeln an der Validität dieser Zahlen, daß Marktteilnehmer nach wie vor bereit sind, sie zum Ausgangspunkt ihrer Kauf- oder Verkaufsentscheidungen zu machen. Aus Makrosicht wesentlich bedeutender ist dabei natürlich der tatsächliche Einfluß, den eine Stabilisierung der zuletzt leicht enttäuschenden Wachstumsdynamik im Reich der Mitte auf die gesamte Schwellenländerwelt hat. So befestigt eine Kräftigung der chinesischen Nachfrage nicht nur die Volkswirtschaften der Region (inklusive Japan, das über diverse integrierte Produktionsketten starke Handelsverbindungen mit dem ungeliebten Nachbarn pflegt), sondern auch in entfernten Teilen der Welt, in denen Lieferanten von Rohstoffen für das chinesische Wachstum ihren Sitz haben, etwa in Afrika oder – ganz besonders - Südamerika.

Es ist also nicht nur das Prinzip Hoffnung, das lateinamerikanische Aktien zu einem der besten Performer seit Jahresbeginn gemacht hat. Der brasilianische Bovespa-Index hat seit Anfang Januar rund 18% gewonnen, und seit seinem Tiefstand am 26. Januar sogar fast 29%, und dies in einem Land, das vom Verfall der Rohstoffpreise böse gebeutelt wurde und seit Monaten durch Korruptionsaffären politisch gelähmt ist. Es scheint aber gerade diese Kombination aus stark gefallenen Preisen und der Hoffnung auf nunmehr unausweichlichem politischen Wandel zu sein, der den Markt attraktiv macht. In der Tat profitiert Brasilien massiv von den stark gestiegenen Preisen für Rohöl und Eisenerz, zwei der am stärksten gehandelten Exportrohstoffe. Kommt es nun zu einem Regierungswechsel, was nach der krachenden Niederlage von Präsidentin Roussef im Parlament am Sonntag wahrscheinlicher geworden ist, könnte dies zu einem Hoffnungszeichen nicht nur für die größte Volkswirtschaft Südamerikas, sondern für die gesamte Region werden. Letzteres vor allem in Verbindung mit der Rückkehr Argentiniens, dessen Politik unter dem neuen Regierungschef Macri rationaler und berechenbarer erscheint, an die internationalen Kapitalmärkte.

Unnötig, in diesem Zusammenhang noch zu betonen, daß sich stabilisierende Nachrichten in Schwellenländern und Rohstoffen gegenseitig beflügeln. Zwar ist dies aus rein volkswirtschaftlicher Sicht nur zum Teil gerechtfertigt, weil viele große Schwellenländer, darunter Indien und auch China, für die meisten Rohstoffe eher Nettoimporteure denn –exporteure sind. Nichtsdestotrotz ist die Korrelation der entsprechenden Kursverläufe hoch und damit ein guter Grund gegeben, sich dem vermuteten Parallelflug der Performance von Schwellenländern – ausgedrückt etwa durch deren Aktienpreise oder Währungen – und Rohstoffpreisen nicht entgegenzustellen. Das schwächste Glied in dieser Kette bleibt der Ölpreis.

Was bedeutet das für Anleger?

Nachdem in der Vorwoche vor allem die chinesischen Außenhandelszahlen für Erleichterung sorgten, dürfte diese Woche von den Nachwehen der desaströsen Doha-Runde vom vergangenen Sonntag geprägt sein. Gut möglich, daß ein kräftiger Rücksetzer beim Ölpreis die Erholungsrally ins Stottern bringt. Für Europa werden diese Interpretationen begleitet durch die Veröffentlichung einer ganzen Batterie von Frühindikatoren wie ZEW-, Ifo- und Einkaufsmanagerindizes. Alles andere als Hinweise auf niedriges, aber relativ stabiles Wachstum in Europa wäre eine Überraschung. Ohne Zweifel sind diese Zahlen aber ohnehin nur Nebenschauplätze. Im gegenwärtigen Umfeld einer Refokussierung auf Schwellenländer und Rohstoffe, damit also der Hoffnung, daß die Kapitalmarktstimmung endlich wieder Richtung „risk-on“ dreht, bilden Ifo & Co. wohl nur das Hintergrundgeräusch.

Wenn Anleger so offensichtlich bereit sind, das Glas nun bald wieder halb voll zu sehen, ist immer auch Vorsicht geboten. Die aufregende Aussicht auf die lang ersehnte Rückkehr der Risikoneigung sollte nicht davon ablenken, daß vor allem das Thema Brexit und der weitere Verlauf des Ölpreises wohl bis zum Sommer das Wohl und Wehe der Kapitalmärkte bestimmen.