Blindflug in den Brexit?

Die vergangene Woche lieferte erneut Belege dafür, daß die zuletzt konstatierte Beruhigung der Volatilität an den Aktienmärkten auf tönernen Füßen steht. Anleger bleiben hoch nervös, und in einem Umfeld uneinheitlicher Signale aus Wirtschaft und Politik gaben die großen Indizes der westlichen Welt einen Teil ihrer Kursaufholung wieder ab. Der DAX beendete die Woche um rund 1,8% im Minus, der Eurostoxx 50 um 1,4% und der Dow Jones um 1,3%. Für diese schwache Wochenperformance war maßgeblich der Dienstag verantwortlich, an dem der DAX 2,6% abrutschte, der Eurostoxx 50 in ähnlicher Größenordnung verlor (-2,4%), während der Dow Jones mit minus 0,8% besser davonkam. Vor allem mit Blick auf das deutsche Universum reichte hierfür eine Kombination aus schwachen Auftragseingangszahlen für die deutsche Industrie, unerwartet „hawkishe“ Äußerungen des Bostoner Fed-Präsidenten Eric Rosengren und nicht zuletzt ein Durchsacken des Ölpreises, der mit rund 35,30 USD für ein Faß der Sorte Brent den tiefsten Stand seit Ende Februar erreichte. Zwar sind im weiteren Wochenverlauf alle diese Daten relativiert worden – im Fall der deutschen Industriedaten etwa in Form von besser als erwartet hereingekommenen Produktionszahlen des verarbeitenden Gewerbes -, und der Ölpreis erholte sich nahezu auf die Höchststände vom März, aber der Aktienmarkt holte die schwache erste Wochenhälfte nicht mehr auf. Im Zweifel scheint für viele Anleger das Glas immer noch halb leer zu sein.

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, daß eines der greifbarsten politischen Risiken, nämlich das Referendum über die die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens am 23. Juni, an dem Aktienmarkt, den ein „Brexit“ vermutlich am meisten treffen würde, bisher viel weniger ausgerichtet hat als auf dem europäischen Kontinent. Der FTSE 100 hat seine über den Verlauf des ersten Quartals erlittenen Verluste inzwischen nahezu vollständig wieder aufgeholt, während der DAX seit Jahresanfang immer noch gut 10% im Minus liegt und der Eurostoxx mit ebenfalls 9% Abschlag kaum besser dasteht. Haben vielleicht gar diejenigen recht, die dem Vereinigten Königreich eine blühende Zukunft versprechen, wenn es sich nur aus dem ungeliebten Verbund der EU löst? Zumindest müßte man dann die recht klare Sprache, die der Devisenmarkt in diesem Zusammenhang spricht, nämlich eine Abwertung des Pfund gegenüber dem Euro von rund 10% seit Jahresbeginn, rein konjunkturtechnisch und weniger strukturell begründen. Etwa in dem Sinne, daß eine schwächere Währung den Gewinnmargen britischer Unternehmen im Vergleich zu ihren kontinentaleuropäischen Pendants mehr helfen würde. Aber selbst bei dieser Lesart verbleibt der Eindruck, daß Aktien- und Währungsmärkte bis dato zu unterschiedlichen Einschätzungen des Brexit-Risikos gelangen.

Aus unserer Sicht wäre der Austritt Großbritanniens aus der EU ein fatales Signal für die europäische Integration und zum Nachteil aller Beteiligten. Leider nehmen wir aber auch zur Kenntnis, daß das Risiko dieses Szenarios mit jedem Tag zunimmt. Denn die Überzeugung, die britische EU-Befürworter etwa aus dem europaweiten Management der Flüchtlingskrise, dem Umgang mit Renationalisierungstendenzen in Ungarn und Polen oder den Inkonsistenzen der Eurokrise zu schöpfen vermögen, hält sich in engen Grenzen. Insofern stellt das immer bedrohlichere Schreckensbild des Brexit auch eine unserer klarsten Nicht-Konsensus-Schätzungen in Frage, nämlich eine Stabilität oder gar Aufwertung des Euro-Dollar-Wechselkurses bis zum Jahresende. Fällt mit Großbritannien der erste wichtige Baustein aus dem wackelig gewordenen Haus Europa heraus, dürfte der Euro gegenüber dem Dollar kräftig an Wert verlieren.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger sollten sich in dieser Gemengelage darüber im Klaren sein, daß die Volatilität in den kommenden Monaten wieder deutlich steigen dürfte, vermutlich nicht graduell, sondern eher schubartig. Hierzu trägt auch die wechselhafte Kommunikation der amerikanischen Notenbank bei. Statt mit einer glaubwürdig durchgehaltenen Richtungsvorgabe die Märkte zu beruhigen, wirken Statements aus der Fed zuletzt oft reaktiv, ja tagesformabhängig. So beruhigte eine als sehr vorsichtig empfundene Rede von Fed-Chefin Janet Yellen in der vorvergangenen Woche die Märkte, um eine Woche später durch die oben angesprochenen Rosengren-Äußerungen doch auf schneller bevorstehende Zinserhöhungen eingestellt zu werden. Die einen Tag danach veröffentlichten Protokolle der FOMC-Sitzung vom 16. März trugen dann zwar etwas zur Differenzierung bei, aber der Schaden war angerichtet. Wir müssen uns wohl darauf einstellen, daß die Fed in den nächsten Monaten – vor allem bis zur möglicherweise entscheidenden Sitzung am 15. Juni – eher volatilitätsverstärkend denn –senkend wirkt.

Unterm Strich verbleibt der Ausblick auf eine weitere eher durchwachsene Woche. Am Mittwoch ermöglichen Außenhandelsdaten aus China einen Eindruck davon, wie stark sich die Abschwächung in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft inzwischen auf den globalen Handel auswirkt, während Einzelhandelszahlen aus den USA den Puls der amerikanischen Konsumenten fühlen. Insgesamt erwarten wir eine Bestätigung für unsere Einschätzung schwachen, aber nicht in die Rezession abgleitenden Wachstums der Weltwirtschaft in diesem Jahr.